Pflege zuhause — der IAHA Podcast

Wenn der Partner zum Pflegefall wird

Rachele Wey

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Wir reden mit Morena De Paris darüber, wie sich das Leben verändert, wenn der eigene Mann wegen Hirntumor und schleichenden Lähmungen immer mehr Pflege braucht. 

Dabei wird klar, wie viel unsichtbare Care-Arbeit, Angst und Organisation hinter „Pflege daheim“ steckt und wo trotzdem kleine Glücksmomente entstehen. 

• Alltag am Morgen mit Waschen, Anziehen, Sturzprävention und WC-Begleitung 

• 24-7 Verantwortung und kaum planbare Freizeit 

• bewusste Entscheidung gegen Pflegeheim und für Pflege zu Hause 

• Rollenwechsel in der Partnerschaft und was das mit Nähe macht 

• körperliche Belastung, Überforderung und Strategien zum Durchhalten 

• Entlastung durch Gespräche, Gartenzeit und Unterstützung aus dem Umfeld 

• Zusammenarbeit mit Spitex und Wert eines kleinen Lohns 

• gesellschaftliche Unsichtbarkeit von pflegenden Angehörigen und soziale Distanz 

• Barrierefreiheit im Alltag und warum Details wie Parkplätze zählen 
achten, dass wir die, die eine Ausweis haben am Auto haben, auch die Parkplätze benutzen. Und die, die keinen Ausweis haben, einen behinderten Ausweis haben, wirklich nicht auf die behinderten Parkplätze gehen. 


Rachele Wey  00:01
Gut. Frau De Paris, danke vielmals für das Interview. Ich freue mich, dass wir hier über Ihre Arbeit reden und aufzeigen können, was Sie machen. Erzählen Sie mir etwas von sich. Wie sind Sie dazu gekommen? Wer sind Sie?

Morena De Paris  00:15
Ich bin Morena De Paris. Ich bin seit 30 Jahren verheiratet und mein Mann hat seit circa 12 Jahren Krebs — einen Hirntumor. Wir haben Protonenbestrahlungen gemacht. Von dieser Protonenbestrahlung kommen jetzt schleichende Lähmungen. Jeden Tag geht es bergab. Wir haben noch zwei Kinder, und die helfen mir mit allem drum und dran. Es ist ein sehr anstrengender Job. Darum habe ich auch meine Arbeit zu einem grossen Teil aufgeben müssen. Ich bin dankbar, dass ich ProWin vor sieben Jahren kennengelernt habe, weil ich dadurch von zuhause aus arbeiten kann. Er ist zuhause. Ich habe den Job aufgegeben, um meinen Mann zu Hause pflegen zu können. Der Pflegeaufwand ist sehr gross und wird immer grösser, die schleichenden Lähmungen schreiten fort.

Rachele Wey  01:10
Wie sieht so ein Alltag bei der Pflege Ihres Mannes aus?

Morena De Paris  01:14
Am Morgen stehe ich etwas früher auf, damit ich mich noch schnell selbst fertig machen kann. Dann widme ich mich meinem Mann. Ich muss ihn waschen, Zähne pflegen, Nägel pflegen, Haare waschen, duschen. Es ist eigentlich so: was ich für mich selbst tue, muss ich auch für meinen Mann tun. Ich brauche Zeit dafür. Es ist sehr zeitaufwendig. Ich muss ihn ankleiden, muss darauf achten, dass er nicht stürzt, muss ihm beim Toilettengang helfen und Flaschen leeren. Es ist ein Vollzeitjob, den man hier übernommen hat. Weil die Lähmungen voranschreiten, kann ich nicht sagen, er geht ins Alters- oder Pflegeheim. Es ist mein Mann — ich pflege ihn zuhause. Das mache ich eigentlich gern. Es ist ein stressiger Job, 24 Stunden, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.

Rachele Wey  02:05
Sie haben wenig Freizeit, wenig Zeit für sich selbst.

Morena De Paris  02:09
Ja, das stimmt. Ich gehe mit meinem Mann zur Post und nehme ihn im Rollstuhl mit. Wenn ich mal allein unterwegs sein möchte, schaue ich, dass er alles im Stuhl hat — Flaschen, etwas zum Trinken, etwas zu Essen — damit ich eine Stunde spazieren oder etwas für mich erledigen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass er gestürzt ist. Er hat auch eine Uhr, damit er mich jederzeit anrufen kann, wenn etwas passiert. Aber die Angst ist trotzdem da. Der Gedanke an meinen Mann ist ständig präsent. Wenn ich mal fort bin — sei es bei einer Kollegin — muss ich immer organisieren, wer schaut, wer hereinkommt, wenn etwas passiert. Es ist ein anstrengender Job.

Rachele Wey  03:08
Ein Vollzeitjob.

Morena De Paris  03:10
Ein Vollzeitjob, genau.

Rachele Wey  03:12
Gibt es eine Tageszeit, auf die Sie sich freuen, oder auch eine, vor der Sie sich vielleicht sorgen? Gibt es im Tagesablauf etwas, das Sie lieber machen, oder etwas, das Sie weniger gerne machen?

Morena De Paris  03:26
Da kommt mir nichts Bestimmtes in den Sinn, weil ich von Tag zu Tag lebe. Ich plane auch nicht gross voraus. Ich weiss nie, wie es wird — wenn er umffällt oder ins Spital muss, kann ich nicht planen. Ich sage, ich gehe dort- und dorthin. Und wenn ich mal bei einer Kollegin bin, ist es entspannend, es tut mir gut. Aber im Hintergedanken ist es trotzdem: hoffentlich ist nichts passiert, hoffentlich funktioniert alles, hoffentlich bekomme ich kein Telefon.

Rachele Wey  04:02
Sie haben vorher erwwähnt, dass Sie eine bewusste Entscheidung getroffen haben, Ihren Mann zuhause zu pflegen — er soll nicht ins Pflegeheim. Das hat sich langsam entwickelt, die Krankheit hat sich langsam entwickelt, aber Sie haben bewusst entschieden: Ich pflege meinen Mann zuhause.

Morena De Paris  04:18
Ja, das habe ich bewusst entschieden. Weil das Pflegeheim kostet, man weiss ja, wie viel das kostet. Und er ist mit 55 Jahren noch zu jung für ein Pflegeheim.

Morena De Paris  04:35
Darum habe ich mich entschieden, meine früheren Jobs aufzugeben. Wie gesagt, dank ProWin kann ich von zuhause aus arbeiten. Er ist daheim, wir gehören zusammen.

Rachele Wey  04:53
Sie bekommen nun auch etwas Geld für Ihre Pflegearbeit — wenigstens ein Teil Ihrer Arbeit wird finanziell abgegolten.

Morena De Paris  05:00
Genau. Das finde ich sehr schön, dass man jetzt auch Lohn bekommt. Es ist ja kein Job, den man einfach gratis machen kann — die Spitex wird ja auch entlöhnt. Man macht eigentlich fast denselben Job, nur ist man 24 Stunden, 7 Tage an diesem Job, nicht nur eine Stunde oder anderthalb Stunden. Was ist denn den Rest des Tages? Wer schaut dann? Darum habe ich mich entschieden, das selbst zu übernehmen. Ich finde es sehr schön, dass man dafür auch etwas Lohn bekommt.

Rachele Wey  05:40
Sie haben vorher erwwähnt, dass Sie zwei Kinder haben. Reden Sie mit Ihren Kindern über Ihre Arbeit, über das, was Sie leisten? Sehen die Kinder, was Sie für eine Arbeit erbringen?

Morena De Paris  05:51
Die Kinder sehen, was ich mache — was den ganzen Tag anffällt. Wir reden miteinander, wir unternehmen auch gemeinsam etwas. Sie nehmen den Rollstuhl, wenn wir irgendwo hingehen oder einkaufen. Die Kinder sehen es und schhätzen die Arbeit, die ich leiste — dass der Vater nicht einfach im Pflegeheim ist.

Rachele Wey  06:15
Sie kommen ja nicht ursprünglich aus der Pflege. Sie haben andere Jobs gehabt. Was belastet Sie am meisten, wenn Sie zurückblicken? Was ist am schwersten? Was ist für Sie am Schwierigsten in diesem ganzen Pflegealltag mit Ihrem Mann?

Morena De Paris  06:33
Was am schwersten ist, kann ich gar nicht richtig sagen. Es ist eigentlich immer wieder anders. Das Pflegen selbst ist schwer — es ist wie bei einem Baby. Das ist schwierig, weil ältere Menschen wieder zurück zum Kind werden. Und das ist jetzt bei meinem Mann so, es geht langsam wieder in diese Richtung. Es ist alles schwer. Ich bin nicht gross und nicht kräftig. Wenn er hinffällt, muss ich überlegen, wie ich ihn wieder aufstelle — dann kommen mir alle möglichen Ideen. Ich habe früher bei der Sanita gearbeitet, darum habe ich noch etwas Hintergrundwissen.

Rachele Wey  07:20
Es ist die körperliche Anstrengung, aber vielleicht auch die Rollen, die sich verrändern. Sie sind Frau und Mann. Jetzt sind Sie Pflegeperson und Pflegebedürftige — das ist eine ganz andere Rolle.

Morena De Paris  07:34
Genau, ich fühl mich gar nicht mehr richtig als seine Frau. Ich bin mehr so die Spitex — hilf mir hier, machen wir das, tun wir dieses. Ich bin eigentlich sein Allround-Unterstützer geworden. Aber wir haben vor 30 Jahren Ja gesagt, und da kann man nicht einfach sagen, er kommt ins Pflegeheim und man besucht ihn einmal in der Woche.

Rachele Wey  08:02
Gibt es Momente, wo Sie sagen, ich mag nicht mehr?

Morena De Paris  08:06
Ja, diese Momente gibt es immer mehr, immer öfter. Es wird immer schwerer. Es kommt immer mehr dazu, weil die Lähmungen schleichend zunehmen. Spazierstöcke, die Aufsicht, die Wohnung muss frei sein von Hindernissen — weil er kaum noch etwas selbst machen kann. Das ist dann schon schwer. Auch wenn wir weggehen, muss ich an alles denken, niemand hilft mir dabei. Den Haushalt mache ich komplett allein — Wwäsche, Kochen, alles. Ich habe schon Momente, wo ich moralist sage: jetzt geht es nicht mehr, jetzt brauche ich jemanden zum Reden.

Rachele Wey  08:54
Sie haben Strategien gefunden, um solche Momente zu überstehen. Sie sagen, Sie reden dann mit jemandem?

Morena De Paris  09:03
Ich rufe die Kinder an und rede einfach. Oder rufe sonst jemanden an. Früh morgens gibt es hier im Haus jemanden, der mit mir laufen geht — dem habe ich geschrieben, und er ist mitgegangen. Jetzt wohnt er leider nicht mehr hier, da ist es etwas schwerer, weil ich nicht der Typ bin, der einfach so rausgeht und lläuft. Ich habe noch einen kleinen Garten — da melde ich mich kurz ab und sage meinem Mann, ich gehe schnell in den Garten, ruf mich an wenn etwas ist. Dort oben kann ich abschalten. Ich treffe Leute, die vorbeigehen, ein kurzes Wort. Das ist das, was man braucht — diese Abschaltung. Ich kann nicht 24 Stunden lang hinter ihm herlaufen und hoffen, dass nichts passiert.

Morena De Paris  09:55
Aber der Gedanke ist trotzdem ständig da. Er muss mir jede Stunde, anderthalb Stunden ein kurzes Zeichen geben — einen Daumen hoch oder einfach eine kurze Nachricht. Dann weiss ich, alles ist in Ordnung, wenn ich llänger fort bin.

Rachele Wey  10:12
Aber Sie stellen Ihre eigenen Bedürfnisse eigentlich zurück.

Morena De Paris  10:17
Ja, ich stelle alles von mir zurück. Ich bin früher dreimal im Jahr in die Ferien geflogen — nach Kenia und überallhin. Ich bin jetzt seit dem Beginn seiner Krankheit — seit zwölf Jahren — nicht mehr geflogen. Letztes Jahr das erste Mal, nach sieben oder acht Jahren, gemeinsam in die Ferien mit Rollstuhl, mit Swisstrack und allem Notwendigen. Wir haben ein kleines Ferienhhäuschen. Dort muss ich auch wieder aufpassen — es hat Stufen, es wird immer schwieriger. Ich scheue mich noch etwas vor dem Fliegen. Ich würde gerne mal wieder in ein warmes Land, aber ich habe noch etwas Angst: Bringe ich das durch, bringe ich das nicht durch?

Rachele Wey  11:07
Und die Ferien letztes Jahr — waren die Erholung oder eher Stress?

Morena De Paris  11:12
Teils Erholung, teils schon stressig. Aber wir waren im gleichen Quartier, wo Kollegen waren, die auch dort unten Ferien machten. Er hat immer gekocht, wenn wir nicht auswwärts gegangen sind. Ich konnte 18 Tage lang nicht kochen — das war schon mal gut. Wir mussten nicht überlegen, was wir kochen. Er hat uns oft eingeladen, und wir sind auswwärts gegangen. Er hat auch zwischendurch geholfen, zum Beispiel etwas vom Meer hereinzuholen. Wir haben das gemeinsam gemeistert.

Rachele Wey  11:56
Schön. Aber auch mit einem grossen organisatorischen Aufwand, um das alles auf die Beine zu stellen.

Morena De Paris  12:03
Genau.

Rachele Wey  12:05
Jetzt tragen Sie eine grosse Verantwortung — Sie meistern Ihr eigenes Leben, das Leben Ihres Mannes, den ganzen Haushalt. Haben Sie schon immer die Ffäden in der Hand gehalten und alles gemanagt, oder ist das so gewachsen?

Morena De Paris  12:26
Das habe ich eigentlich immer so gemacht. Ich habe schon früher, als die Kinder noch klein waren, organisiert und gemanagt — weil ich früher Degustantin war und den ganzen Dezember durchgearbeitet habe. Ich habe immer organisieren müssen. Das liegt mir im Blut, ich kann sehr gut organisieren. Und so sollte eigentlich alles funktionieren — von dem her.

Rachele Wey  13:00
Man macht einfach. Vor 30 Jahren Ja gesagt — und jetzt packt man an, was anffällt.

Morena De Paris  13:10
Ja, genau.

Rachele Wey  13:12
Ohne gross zu fragen oder sich lange zu besinnen — man macht es einfach.

Morena De Paris  13:18
Genau. Ich habe das Helfersyndrom — dort helfen, da helfen. Die einen schhätzen es, die anderen schhätzen es weniger. Aber das liegt mir im Blut, ich bringe es nicht weg. Ich wollte immer überall helfen.

Rachele Wey  13:35
Sodass Sie sich selbst dabei fast vergessen.

Morena De Paris  13:40
Ich merke es dann erst später und sage mir: jetzt reicht es, jetzt brauche ich mal eine oder zwei Stunden für mich oder einen halben Tag. Und dann muss ich gleich wieder organisieren, was ich mit meinem Mann mache, damit ich mal einen halben Tag mit einer Kollegin einkaufen oder spazieren gehen kann.

Rachele Wey  14:03
Sie haben gesagt, die einen schhätzen es und die anderen nicht. Wie nehmen Sie das in Ihrem Umfeld wahr? Sehen die Leute, was Sie machen? Ist man sich bewusst, was für eine grossartige Arbeit Sie leisten? Oder denken manche, die sitzt den ganzen Tag zuhause und macht nichts?

Morena De Paris  14:23
Ich erlebe beides. Die einen sagen: ich weiss, was du machst, Morena, das ist eine grosse Aufgabe. Die anderen habe ich das Gefühl, die denken, sie mache gar nichts. Er kann ja noch ein bisschen laufen, ein bisschen hin und her — die denken, sie hat den ganzen Tag Zeit. Aber das stimmt eben nicht.

Rachele Wey  14:50
Jetzt sind Sie beide noch relativ jung und haben vermutlich ein grösseres soziales Umfeld. Hat sich das im Laufe der Krankheit verrändert?

Morena De Paris  14:58
Das hat sich enorm verrändert — das ganze Umfeld, der Freundeskreis, alles. Auch von den Kindern her merkt man es. Meine Tochter sagt manchmal, Mami, wir gehen wandern — und ich kann nicht mitgehen, weil das wieder mehr als sechs, sieben Stunden wäre und dann alles wieder organisiert werden müsste. Wir leben sehr kurzfristig, wir leben wirklich von Tag zu Tag — das geht nicht einfach so schnell.

Rachele Wey  15:43
Das Umfeld hat sich verrändert — sei es weil sich die Leute distanziert haben, oder weil Sie einfach nicht mehr so am Sozialleben teilnehmen können. Sie waren ja noch bei den Hexen oder bei der Fidelis?

Morena De Paris  15:54
Ich war bei den Hexen, ich bin immer noch bei der Fidelitas Wollerau. Das funktioniert, weil ich dort vorausplanen kann. Ich sage meiner Schwester, die nebenan wohnt: ich bin sechs, sieben Stunden weg für den Umzug, kannst du schauen? Sie hat den Schlüssel und kann jederzeit rein. Aber ich kommuniziere mit meinem Mann — und im Hintergedanken checke ich immer wieder, ob alles gut ist. Manche Leute denken, Morena kann wegen ihrem Mann eh nicht mitkommen — und rufen gar nicht erst an. Das sind Ffälle, die es schon gegeben hat. Jemand sagte mir nachher: ich wusste nicht, ob du mitkommen willst, wegen deinem Mann.

Rachele Wey  16:54
Schade — da werden Sie gewissermassen ausgeschlossen, weil man annimmt, sie könnte sowieso nicht. Dabei würden Sie vielleicht gerne. Manchmal braucht es nur einen Anruf und die Frage: Kommst du auch mit?

Morena De Paris  17:02
Genau — manchmal brauche ich einfach diesen kleinen Anstoss.

Morena De Paris  17:05
Oder manche denken: wenn Morena mitkommt, muss sie vielleicht auch noch ihren Mann mitnehmen. Darum hat man sich eher distanziert. Ich lebe damit: die, die kommen, kommen; die, die nicht kommen, kommen nicht.

Rachele Wey  17:27
Und es ist ein Aufwand, wenn Sie weggehen. Aber es ist auch ein Aufwand, wenn Leute zu Ihnen nach Hause kommen. Sie müssen schauen, dass er angezogen ist, sicher sitzt, dass man ein Gesprräch führen kann. Es ist immer ein Aufwand.

Morena De Paris  17:42
Es ist immer ein Aufwand. Ob ich mit ihm rausgehe oder Besuch zu uns nach Hause kommt — es ist immer ein Aufwand.

Rachele Wey  17:52
Wie ist es nachts? Können Sie schlafen? Muss Ihr Mann nachts aufstehen?

Morena De Paris  17:56
Früher ist er aufgestanden und hat mich manchmal geweckt. Da hatte ich wenig Schlaf, weil bis ich wieder eingeschlafen war, war es schon Morgen. Jetzt hat er eine Flasche, in die er nachts machen kann. Die leere ich natürlich am Morgen und wasche sie. Er weckt mich nicht mehr immer. Es gibt inzwischen schon Nnächte, wo ich durchschlafen kann.

Rachele Wey  18:25
Wenigstens können Sie sich dort etwas erholen und Kraft tanken. Das ganze System ist sehr fragil. Wenn Sie ausfallen...

Morena De Paris  18:34
...dann funktioniert nichts mehr. Das stimmt.

Rachele Wey  18:41
Sind Sie sich dessen bewusst — und ist Ihr Mann sich bewusst, was Sie für ihn leisten?

Morena De Paris  18:49
Er sieht es und merkt es auch. Ich hoffe, er nimmt es wirklich bewusst wahr — was ich alles aufgegeben habe, um ihn pflegen zu können. Auch wenn ich zwischendurch denke: jetzt könnte ich ihn an die Wand stellen — sorry, aber so ist es manchmal, weil ich nicht immer gleich aufgelegt oder gleich motiviert bin wie an einem anderen Tag.

Rachele Wey  19:21
Und dann ist es wichtig, dass Sie Menschen haben, mit denen Sie reden können, mit denen Sie sich austauschen können — damit Sie nicht aus dem Gleichgewicht geraten. Das ist sowohl für Sie wichtig als auch für Ihren Mann.

Morena De Paris  19:35
Das stimmt. Es ist immer gut, jemanden zu haben, mit dem man reden kann. Das gibt wieder Halt, das gibt wieder Motivation.

Rachele Wey  19:47
Genau. Jetzt arbeiten Sie ja mit der IAHA zusammen, mit der Spitex. Wie erleben Sie das? Ist das eine gute Zusammenarbeit? Können Sie davon profitieren — auch vom Lohn, den Sie erhalten?

Morena De Paris  19:58
Ja, es sind zwei sehr nette Personen, die ich kennengelernt habe. Eine kommt jeden Monat vorbei und weiss, wie ich bin — Stress, Stress, schnell, schnell. Sie sind freundlich, sie helfen auch. Wir haben Schulungen. Ich habe dabei mehr gelernt, als ich vorher wusste. Es ist zwar ähnlich wie mit einem kleinen Kind, die Pflege drum und dran, aber ich war ja nur Sanita-Frau — das war ein anderes Fach. Aber es funktioniert tiptop. Wenn ich ein Anliegen habe, kann ich es melden, bekomme eine Antwort, es funktioniert. Und wir haben einen Lohn — das finde ich schön. Es ist gesetzlich geregelt auf sechs Tage.

Morena De Paris  20:55
Den siebten Tag lasse ich meinen Mann gewissermassen für sich, weil ich theoretist frei hhätte. Aber es ist ein 24-Stunden-Job, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr. Das ist die Realittät.

Rachele Wey  21:12
Sie sagen es richtig: es gibt Vorgaben, an die wir uns halten müssen. Aber trotzdem leisten Sie den Job 24/7. Das ist die Realittät. Wenn wir jetzt noch zu den schönen Momenten kommen dürfen — was gibt es für Momente, die Sie glücklich machen? Wo Sie sagen: es ist gut so — auch wenn es kleine Momente sind?

Morena De Paris  21:36
Ich bin immer glücklich, wenn meine Kinder kommen. Oder wenn wir gemeinsam weggehen und ich weiss, dass sie den Job für mich übernehmen. Wenn wir Leute treffen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat. Das macht mich immer etwas glücklich. Oder wenn man gut aufgelegt ist. Im Garten vielleicht mit meinem Mann — das macht mich auch glücklich, weil wir ihn ja gemeinsam haben. Früher haben wir ihn zu zweit gemacht, jetzt mache ich ihn allein mit dem Sohn.

Rachele Wey  22:13
Kleine Glücksinseln, kann man fast sagen, wo Sie Kraft schöpfen können für das, was kommt.

Morena De Paris  22:20
Ja, genau.

Rachele Wey  22:22
Gibt es eine Geschichte oder eine Situation, die Sie nicht vergessen können — etwas, das sich wirklich eingebrannt hat, im Guten wie auch im Schlechten?

Morena De Paris  22:34
Es ist eigentlich alles bei mir irgendwo in einer Schublade hinterlegt — ich kann es hervornehmen, ich weiss es. Sowohl schöne als auch schwierige Momente sind natürlich im Kopf. Ich habe Bilder drin von den Operationen meines Mannes ganz am Anfang. Ich habe Bilder von Ferien, wo wir es noch unbeschwert schön hatten. Ich habe Bilder aus der früheren Zeit, die mich glücklich gemacht haben — wie damals.

Rachele Wey  23:10
Gibt es Erfahrungen, die Sie für das Leben gelernt haben durch diese Situation? Wo Sie sagen: das habe ich über mich selbst gelernt, oder: ich bin über mich hinausgewachsen, das hhätte ich nie gedacht, dass ich das kann?

Morena De Paris  23:26
Ja, das geht schon. Ich hhätte nie gedacht, dass ich mal Pflegefrau werden würde — das wollte ich eigentlich nie werden. Und ja, es ist jetzt wie mein Job. Ich habe ihn in dem Sinn angenommen. Es wird immer anstrengender, aber es ist, was ich mache.

Rachele Wey  24:02
Wenn Ihr Mann jetzt dieses Interview liest — was würde er sagen? Was wäre sein Kommentar?

Morena De Paris  24:11
Oh, gut gemacht, das tönt gut. Ich wüsste nicht genau, was er sagen würde — ob er es gut findet oder nicht. Aber ich denke, er würde sagen: es ist herzlich, es ist schön, es ist eine gute Sache — weil es ja nicht nur mein Umfeld betrifft. Es gibt immer mehr Menschen mit Beeintrrächtigungen, die zuhause wohnen. Zum Beispiel: wenn man mit dem Auto ffährt, soll man beachten, dass man die Parkpllätze für Behinderte nur nutzt, wenn man einen entsprechenden Ausweis hat. Die, die keinen Ausweis haben, sollen wirklich nicht auf Behindertenpllätze stehen. Die braucht es. Ich bin früher nie auf Behindertenpllätze gefahren, weil ich es gewusst habe. Ich habe lange gebraucht, bis wir diesen Ausweis bekommen haben. Jetzt kann ich ihn nutzen. Es sind Situationen, die einem auf die Nerven gehen können: wenn jemand ohne Ausweis auf einem Behindertenparkplatz steht und man selbst in der Ladezone parkieren muss oder auf der Strasse, und dann umständlich laden muss.

Rachele Wey  25:39
Das sind Erfahrungen, die Sie im Alltag machen.

Morena De Paris  25:41
Das sind Erfahrungen, ja.

Rachele Wey  25:44
Wenn wir jetzt noch in die Zukunft schauen — was wünschen Sie sich für die nächsten Monate oder Jahre?

Morena De Paris  25:54
Dass es mit meinem Mann sicher nicht schlechter wird. Weil wenn er dann gar nicht mehr in der Wohnung laufen kann — wir haben noch Stufen im Haus — dann wüsste ich nicht, was ich machen würde. Wir wohnen günstig, und für diesen Fall für die Zukunft hhätte ich noch keine Lösung.

Rachele Wey  26:16
Wenn Sie jemanden treffen würden, der ganz am Anfang einer solchen Situation steht — was würden Sie dieser Person raten?

Morena De Paris  26:33
Ich würde zunnächst meine Geschichte erzählen. Ich würde sagen, dass ich entlöhnt werde — ob sie das auch bekommen können. Sie haben sicher auch ihren Job aufgegeben für den Partner. Ich bin am Anfang auch ins kalte Wasser geworfen worden. Ich habe auch nicht gewusst, wo, wie, was. Es haben mir auch Leute geholfen. Ich würde sicher auch anderen helfen: Was können sie besser machen, was sollen sie noch unternehmen, worauf sollen sie achten?

Rachele Wey  27:11
Ganz konkrete Tipps, Hinweise und Hilfestellung. Wenn Sie einen Satz sagen könnten über pflegende Angehörige — was möchten Sie, dass die Menschen draussen über pflegende Angehörige wissen?

Morena De Paris  27:26
Boah, das kommt mir gerade so schnell nicht in den Sinn.

Rachele Wey  27:38
Ich glaube, es ist wichtig, mit diesem Interview zu zeigen, was für eine Arbeit Sie leisten. Ich glaube, es ist wichtig, das in die Öffentlichkeit zu tragen — wie wertvoll das ist, was Sie machen. Würde sie es nicht machen, wäre ihr Mann im Pflegeheim.

Morena De Paris  27:52
Ja, genau. Das müssen die Leute natürlich wissen — dass man, wenn man jemanden pflegt, auch entlöhnt wird. Das finde ich sehr, sehr schön. Sonst hhätte man keinen Lohn und müsste zusätzlich noch irgendwo arbeiten. Oder man müsste jemanden einstellen, der schaut, während man arbeitet. Damit alle Leute wissen, was das für ein Aufwand ist — der Alltag dahinter.

Rachele Wey  28:23
Das sieht man von aussen ja nicht.

Morena De Paris  28:25
Nein.

Rachele Wey  28:26
Manche Kolleginnen haben das Gefühl, Sie sitzen nur rum. Aber Sie leisten wirklich grossartige Arbeit. Wenn Sie es nicht machen würden, müsste das ein Pflegeheim oder eine Spitex übernehmen — und das in diesem Umfang wäre kaum möglich. Sie leisten sehr, sehr wertvolle Arbeit. Das wird in der Gesellschaft zu wenig gesehen.

Morena De Paris  28:48
Genau, das wird zu wenig gesehen. Die Leute wissen eigentlich zu wenig, was in einer Wohnung alles gemacht wird.

Rachele Wey  29:04
Gibt es etwas, das ich nicht gefragt habe und das Sie noch sagen möchten?

Morena De Paris  29:10
Nein, eigentlich nicht mehr. Es ist eigentlich alles gesagt worden — vom kurzen, grossen, langen Leben. Und ja, dass es wieder etwas besser wird, wird es wohl nicht — aber dass es nicht schlimmer wird.

Rachele Wey  29:29
Danke vielmals, Frau De Paris, für das Interview.

Morena De Paris  29:31
Ich danke Ihnen.

Rachele Wey  29:33
Und alles Gute.